alleinsein

von 重子 夏希 12. Okt 2005 11:19 ~ 0 x senf dazu ~ edit

„ich sage zu gambetti, gambetti, das höchste ist das alleinsein, weil ich mich als sein philosoph aufspiele, aber ich weiß ganz genau, daß alleinsein die fürchterlichste aller strafen ist. nur ein verrückter propagiert das alleinsein und vollkommen allein sein heißt ja am ende nichts anderes, als vollkommen verrückt sein, dachte ich …“

thomas bernhard in „auslöschung


leitzordner

von 重子 夏希 12. Okt 2005 10:47 ~ 0 x senf dazu ~ edit

„nein, nein, mein büro wird dieses nicht sein, dachte ich. ich werde mich von den leitzordnern nicht beherrschen lassen. millionen sind von leitzordnern beherrscht und kommen aus dieser demütigenden beherrschung nicht mehr heraus, dachte ich. millionen sind von diesen leitzordnern unterdrückt. ganz europa läßt sich seit einem jahrhundert von den leitzordnern unterdrücken und die unterdrückung der leitzordner verschärft sich, dachte ich. bald wird ganz europa von den leitzordnern nicht nur beherrscht, sondern vernichtet sein. das habe ich ja auch einmal gambetti gesagt, daß vor allem die deutschen sich von den leitzordnern unterdrücken haben lassen. selbst die literatur der deutschen ist eine von den leitzordnern unterdrückte, habe ich zu gambetti einmal gesagt.“ usw. usf.
thomas bernhard in „auslöschung

ich hasse mich selber dafür, wie ich manchmal in irgendwelchen büros herumstehe, ehrfürchtig die mit leitzordnern praktisch tapezierten wände anstarre und mir vorstelle, wie wichtig und wie ernsthaft doch die arbeit dieser menschen sein muß, die in so vielen leitzordnern geordnet und aufbewahrt wird.
da erfrischt und beruhigt mich doch so eine kleine tirade von t.b. ungemein. auch wenn sein rundumschlag noch weiter gehend sogar thomas mann und robert musil gleich mit als ‚hilflos erbärmliche beamtenliteraturerzeuger‘ abkanzelt. naja, wo späne fallen wird gehobelt, oder so.


selbst gedacht I

von 重子 夏希 11. Okt 2005 18:21 ~ 0 x senf dazu ~ edit

es ist gut, seine bedürfnisse zu reduzieren.
nicht um das begrenzt vorhandene jenen umso leichter zu überlassen, die es sich rücksichtsloser zu nehmen suchen, sondern um sich selbst vom zwang dessen zu befreien, was über das wahrhaft notwendige hinausgeht.

„wer sich zu begnügen weiß, ist reich“ (33. im daudedsching)


lästlinge

von 重子 夏希 9. Okt 2005 23:52 ~ 2 x senf dazu ~ edit
evinno-ex.gif

wen haben sie noch nie belästigt, diese lästigen linge? jahrelang war ich auf der suche. und zwar nach beidem, einem wort für diese unerträglichen mitmenschen, aber noch viel mehr nach einem mittel, mich vor selbigen zu schützen.
jetzt habe ich beides bei einem besuch bei meinen eltern gefunden. da stand ein unscheinbares fläschchen auf dem regal, dessen inhalt, 50ml Evinno-Ex, verspricht ‚biologischen schutz gegen lästlinge‘. da war es - das superwort: ‚lästlinge‘! warum komme ich nicht selber auf sowas?
und noch besser, es ist ‚unschädlich für mensch und tier‘, ohne altersbeschränkung völlig unbedenklich‘, ‚giftfrei‘ und ‚dermatologisch getestet‘. ab sofort braucht man sich nur noch ‚vom schädeldach bis zur schwanzwurzel‘ damit einzureiben und ist für ‚mindestens 30 tage vor lästlingen‘ geschützt.
übrigens denke ich, daß das mittelchen, trotz der etwas diskriminierenden anwendungsanleitung, auch für frauen und mädchen geeignet ist. und wenn nicht, dürfen frauen sich zumindestens über diese unersetzliche bereicherung ihres wortschatzes freuen: ‚lästlinge‘, we know your name!


im glashaus

von 重子 夏希 9. Okt 2005 23:18 ~ 2 x senf dazu ~ edit

wer kennt ihn nicht, den zwiebelfisch zusammengefaßt im buch der dativ ist dem genitiv sein tod haben diese kolumnen des geschichtswissenschaftlers und romanisten Bastian Sick schon einige zeitgenossen angeregt, zu herzlichem schmunzeln und zu ernsthaftem nachdenken über unseren oft allzu leichtfertigen umgang mit der lieben muttersprache.

viele artikel habe auch ich mit lust und gewinn gelesen. schlimme wortmoden (‚pur‘), unüberlegt manisches steigern an sich ausreichend treffender ausdrücke (‚der super-gau‘, ‚der perfekteste moment‘, ‚die optimalste lösung‘, ‚der totalste wahnsinn‘), der köstliche umgang mit englischen wörtern und ihre comedyverdächtige übersetzung, selbst bei den nachrichtenagenturen (unübertroffen: die leichensäcke im supermarkt - ‚body bags‘), das elend mit dem ‚binde-strich‘ („partei-tag“, „seh-test“, „rechtschreib-reform“) und der verheerende häk‘chenhagel, sprich die sogenannten „deppen-apostroph‘s“ („rudi‘s bierschwemme“, aber auch „lkw‘s“, „cd‘s“ und sogar „kid‘s“ oder „pizza‘s“).

toll, da mal gesagt zu bekommen, was man schon immer richtig oder auch seit jeher gnadenlos falsch gemacht hat. über den zwiebelfisch wurde sicher schon genug geschrieben, da müßte ich mich jetzt nicht auch noch dazu verbreiten. aber ich hatte immer das gefühl, irgendwann ertappst du herrn Sick dabei, wie er selbst über eine der regeln stolpert, die er uns so nahelegt.
und tatsächlich, in einer kolumne mit dem titel „im bann des silbenbarbaren“ macht Bastian Sick uns auf den vormarsch des suffix „-bar“ aufmerksam: „was früher unverwüstlich war, ist heute unverwüstbar, wenn nicht unkaputtbar“ - erinnerbar, akzeptierbar, unaufhaltbar. „judas mag käuflich gewesen sein, … der verräter von heute ist kaufbar.“ man sollte „alle kraft zusammennehmen und das barbarische suffix abschütteln.“
und jetzt kommts - 30 seiten weitergeblättert, finden wir die kolumne ‚streit und kein ende‘, und da steht schwarz auf weiß: „überall verlaufen unüberwindbare gräben der zwietracht und des hasses.“ autsch! aua! uiii! böser junge. dabei steht doch im duden zwischen unübertrefflich und unumgänglich nur ein wort, nämlich unüberwindlich. sicher hat er letztere kolumne zuerst und erstere später geschrieben, da konnte er ja noch nicht wissen, daß man „alle kraft zusammennehmen und das barbarische suffix abschütteln“ muß.

fazit: ich kann päpstlicher als der papst sein (hab ja nun bisher nur ein kleines fehlerchen gefunden), aber: auch wer die meisten glasscheiben aus seinem glashaus ausgebaut hat, der trifft doch früher oder später eine der übriggebliebenen, wenn er nur genügend steine wirft.



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