ärzte
simón bólivar, der glorreiche general des südamerikanischen unabhängigkeitskrieges:
„er hatte fieber und immerfort kopfschmerzen. der gemeindepfarrer bot an, einen arzt zu holen, doch er widersetzte sich: ‚wenn ich auf meine ärzte gehört hätte, läge ich schon viele jahre im grab.‘“
in: der general in seinem labyrinth von meinem derzeitigen liebling, gabriel garcía márquez
daudedsching | laudse
mal ein paar sprüche von laudse oder auch laotse aus dem daudedsching, die ich interessant finde. das werde ich mit der zeit erweitern.
3.
achtet nicht die achtenswerten
und es wird nicht streit sein im volk
schätzt nicht schätzenswerte güter
und es wird nicht räuber geben im volk
zeigt nichts begehrenswertes
und es wird keine verwirrung sein im herzen des volkes
so herrscht der weise:
das herz leeren
den bauch füllen
stärken die knochen
schwächen den willen
immer läßt er das volk ohne wissen und begierde
und die klugen ohne mut zum handeln
durch nichthandeln bleibt nichts ungeordnet
10.
ohne geschäftigsein, ans eine sich haltend
kann die seele sich dann noch zerstreuen?
die atemkraft sammelnd, geschmeidig werdend
kann man nicht zurückkehren zum kindsein?
den blick läuternd zur schau des tiefen
kann man nicht frei werden von unreinheit?
das volk lieben, den staat ordnen
braucht man dazu wissen?
kann sich öffnen und schließen das himmelstor
ohne das weibliche?
klarheit, die alles ringsum erreicht
braucht sie denn tätigsein?
der weise läßt sie wachsen und nährt sie
läßt die dinge wachsen und besitzt sie nicht
tut und verlangt nichts für sich
behüter, nicht beherrscher
es sei genannt Süen De - das tiefste De
alle tun, als wären sie von nutzen
nur ich bin störrisch wie ein tölpel
nur ich bin anders als die anderen
und schätz die nahrung an der mutterbrust
wer andere kennt, ist klug
wer sich kennt, ist weise
wer andere bezwingt, ist kraftvoll
wer sich selbst bezwingt, ist unbezwingbar
wer sich zu begnügen weiß, ist reich
wer sich durchsetzt, ist willensstark
wer sein wesen nicht verliert, währt lange
wer dahingeht, ohne zu vergehen, lebt ewig
gespielte arbeit
thomas bernhard in „auslöschung“
der großteil der menscheit, vor allem in mitteleuropa, heuchelt arbeit, schauspielert ununterbrochen arbeit vor und perfektioniert bis ins hohe alter diese geschauspielerte arbeit, die mit wirklicher arbeit genauso wenig zu tun hat, wie das wirkliche und tatsächliche schauspiel mit dem wirklichen und tatsächlichen leben. da die menschen aber immer lieber das leben als schauspiel sehen als das leben selbst, das ihnen letzten endes viel zu mühsam und trocken vorkommt, als eine unverschämte demütigung, schauspielern sie lieber, als das sie leben, schauspielern sie lieber, als das sie arbeiten. […] aber nicht nur in den sogenannten höheren ständen wird die arbeit heute meistens nur mehr noch geschauspielert, denn wirklich getan, auch unter dem sogenannten einfachen volk ist diese schauspielerei weit verbreitet, die leute schauspielern an allen ecken und enden arbeit, schauspielern tätigkeit, wo sie in wirklichkeit nichts als faulenzen und gar nichts tun und meistens auch noch, anstatt sich nützlich zu machen, den größten schaden anrichten.die meisten arbeiter und handwerker glauben heute, daß es genug ist, wenn sie den blauen arbeitsanzug anziehen, ohne auch nur irgend etwas zu tun, von einer nützlichen tätigkeit ganz zu schweigen, sie schauspielern arbeit und ihr kostüm ist der den ganzen tag penetrant getragene blaue arbeitsanzug, mit diesem rennen sie ununterbrochen umher und kommen sehr oft auch in schweiß darin, aber dieser schweiß ist ein falscher und deshalb perverser und beruht nur auf geschauspielerter arbeit, keiner wirklichen. auch das volk ist längst darauf gekommen, daß geschauspielerte arbeit einträglicher ist, als wirklich getane, wenn auch bei weitem nicht gesünder, im gegenteil, und schauspielert arbeit nur noch, anstatt sie wirklich zu verrichten, wodurch die staaten auf einmal, wie wir sehen, vor dem ruin stehen. in wahrheit und in wirklichkeit gibt es nurmehr noch schauspieler auf der welt, die arbeit spielen, keine arbeiter. alles wird geschauspielert, nichts mehr wird wirklich getan. […] dem landwirt genügt es oft, sein hoftor aufzumachen und ein bißchen schweinegrunzen sozusagen wie aus dem radio aufzudrehen und durch dieses geöffnete hoftor aus der welt des schlechten gewissens hinauszulassen, und er gilt als rechtschaffen und arbeitsam. und die menschheit ist tatsächlich so dumm, daß sie auf diese methoden hereinfällt. millionen schlüpfen am morgen in ihren drillich und werden für voll, das heißt für arbeitende menschen gehalten, während sie nichts anderes als eine armee von raffinierten nichtstuern sind, die nur schaden anrichten und die welt zu grunde, und die nur ihren bauch im auge haben, nichts sonst. aber die intellektuellen sind wahrlich zu dumm dazu, das zu sehen, sagte mein onkel georg. für sie ist der allerbilligste auftritt eines faulen arbeiters oder handwerkers, wenn er nur sein blaues kostüm anhat auf der durch und durch verlogenen arbeitsbühne, schon ein grund für schlechtes gewissen.die intellektuellen sind die nichtssagenden, völlig einflußlosen episodisten auf dieser skrupellosen, alles krank machenden arbeitsbühne, auf welcher schon über ein halbes jahrhundert auf die raffinierteste weise fortwährend und auftrumpfend arbeit und tätigkeit so gespielt wird, daß es einem nur noch kalt über den rücken läuft. aber ich habe gar nichts dagegen, so mein onkel georg, daß die leute nicht arbeiten wollen, daß die menschheit nicht arbeiten will, nur soll sie ihre faulheit ganz offen zugeben und nicht tagtäglich ihr widerwärtiges arbeitstheater spielen.
auslöschung, s.94ff
irgendwo schreibt bernhard auch noch darüber, daß wirkliche arbeit manchmal wie faulenzen und nichtstun aussieht, im gegensatz zur geschauspielerten arbeit, aber leider finde ich die stelle nicht mehr…
diese bücher gab er gambetti:
siebenkäs, jean paul
der prozeß, franz kafka
amras, thomas bernhard !
die portugiesin, robert? musil
esch oder die anarchie, broch
thomas bernhard über das fotografieren
das fotografieren ist eine gemeine sucht, von welcher nach und nach die ganze menschheit erfaßt ist, weil sie in die verzerrung und die perversität nicht nur verliebt, sondern vernarrt ist und tatsächlich vor lauter fotografieren mit der zeit die verzerrte und die perverse welt für die einzig wahre nimmt. die fotografieren begehen eines der gemeinsten verbrechen, die begangen werden können, indem sie die natur auf ihren fotografien zu einer perversen groteske machen. die menschen sind auf ihren fotografien lächerliche, bis zur unkenntlichkeit verschobene, ja verstümmelte puppen, die erschrocken in ihre gemeine linse starren, stumpfsinnig, widerwärtig. das fotografieren ist eine niederträchtige leidenschaft, von welcher alle erdteile und alle bevölkerungsschichten erfaßt sind, eine krankheit, von welcher die ganze menschheit befallen ist und von welcher sie nie mehr geheilt werden kann. der erfinder der fotografischen kunst ist der erfinder der menschenfeindlichsten aller künste. ihm verdanken wir die endgültige verzerrung der natur und des in ihr existierenden menschen zu ihrer und seiner perversen fratze.ich habe noch auf keiner fotografie einen natürlichen und das heißt, einen wahren und wirklichen menschen gesehen, wie ich noch auf keiner fotografie eine wahre und wirkliche natur gesehen habe. die fotografie ist das größte unglück des zwanzigsten jahrhunderts.
auslöschung, s.29f
mit der erfindung der fotografie, also mit dem einsetzen dieses verdummungsprozesses vor weit über hundert jahren, geht es mit dem geisteszustand der weltbevölkerung fortwährend bergab. die fotografischen bilder, habe ich zu gambetti gesagt, haben diesen weltweiten verdummungsprozeß in gang gebracht und er hat diese tatsächlich für die menschheit tödliche geschwindigkeit in dem augenblick erreicht, in welchem diese fotografischen bilder beweglich geworden sind. stumpfsinnig betrachtet die menschheit heute und seit jahrzehnten nichts anderes mehr, als diese tödlichen fotografischen bilder und ist wie gelähmt davon. an der jahrtausendwende wird dieser menschheit denken gar nicht mehr möglich sein, gambetti und der verdummungsprozeß, der durch die fotografie in gang gebracht und durch die beweglichen bilder zu weltweiter gewohnheit geworden ist, auf dem höhepunkt sein.
auslöschung, s.645f
comics muß ich zeichen - 3 gute gründe
warum sollte comics zu zeichnen gut für mich sein: was ich mir dazu gedacht habe - damit ich es nicht gleich wieder vergesse.
erstens: wenn ich zeichne, mache ich etwas echtes, ich meine etwas reales. etwas, das nicht nur aus ein paar lichtpünktchen besteht. etwas, das nicht einfach verlustfrei beliebig oft vervielfältigt werden kann. etwas, das man anfassen, woran man sich sogar schmutzig machen kann. etwas, das man nicht nur mit brennenden augen vor einem flimmerkasten, sondern überall, auf dem klo, im bett, auf der wiese usw. anschauen kann.
zweitens: nachdem ich in letzter zeit wieder etwas zeichne, merke ich, daß ich mir die menschen, denen ich begegne, anders anschaue. ich schaue sie unbefangener an, weil ich ein wirkliches interesse daran habe, wie sie so aussehen. wie ihre klamotten aussehen, wie die bewegungen aussehen, die sie machen usw. und das trifft nicht nur auf menschen, sondern auf die ganze welt zu! „anders schauen“ ist super.
drittens:
Scott McCloud hat geschrieben, daß comiczeichnen eine der letzten tätigkeiten ist, die ein einzelner mensch alleine bewältigen kann.
ich verstehe das so: einen film kann man nicht alleine machen, ein computergame nicht alleine entwickeln (jedenfalls nicht so eins, mit dem man auch geld verdienen könnte).
überall gibt es „teams“ und „spezialisierung“ und „profis“ und „experten“, die jede arbeit in kleinste teile atomisieren, damit nur ja jeder pups so effizient wie möglich erledigt werden kann.
und darüber wachen dann die, die am wenigsten können, nämlich die „organisatoren“ oder wahlweise auch „manager“ (diese nagetiere). und die dürfen sich dann auch mächtig aufspielen, denn ohne sie läuft ja nichts!
ich habe mittlerweile festgestellt, daß diese struktur von arbeit mir zutiefst zuwider ist.
deshalb ist es gut, etwas zu machen, das man zur not auch ganz alleine (oder zu zweit) schaffen kann.
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