stofftrieb - formtrieb - spieltrieb

von 重子 夏希 28. Okt 2005 15:06 ~ 0 x senf dazu ~ edit

nun beschäftige ich mich schon eine ganze weile mit der philosophie des spiels, aber heute (2005-10-19) habe ich, glaube ich, einen großen schritt nach vorn gemacht.
bei denkern über spiele trifft man auf die verschiedensten meinungen und ansichten. das liegt natürlich daran, das der begriff „spiel“ so unglaublich weit gefaßt ist.
man könnte meinen „alles ist spiel!“:

Was ist nicht Spiel, was wir auf Erden treiben
Und schien es noch so groß und tief zu sein …
Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug.
arthur schnitzler, paracelsus

johan huizinga war der meinung „kultur erwächst aus dem spiel“:

„Spiel ist älter als Kultur. [] Es ist eine sinnvolle Funktion. [] Nahezu alles Abstrakte kann man leugnen: Recht, Schönheit, Wahrheit, Güte, Geist, Gott! Den Ernst kann man leugnen, das Spiel nicht. Mit dem Spiel aber erkennt man, ob man will oder nicht, den Geist. [] Handwerk und Kunst, Dichtung, Gelehrsamkeit und Wissenschaft [] wurzeln somit sämtlich im Boden des spielerischen Handelns.
johan huizinga, homo ludens. vom ursprung der kultur im spiel

spielerische methoden und theorien werden entlehnt und in anderen wissenschaftszweigen angewendet. nur drei beispiele:

wirtschaftswissenschaften - game theory
spielbeobachtung als methode der entwicklungspsychologie - piaget
und natürlich auch die architekten

das problem ist, daß so gesehen das denken über die bedeutung von spiel immer qualvoll hin- und herpendelt zwischen der mit begriffen spielenden beliebigkeit, und damit bedeutungslosigkeit von „alles ist ein spiel“ oder aber, wie es oft bei „zweckentfremdung“ der erkenntnisse der spielwissenschaft/ludologie geschieht, der fehlenden einordnung in ein ganzes und dem dadurch verlorengehenden bewußtsein für das wertvolle an sich im spiele.

und dann habe ich heute endlich schillers „briefe zur ästhetischen erziehung des menschen“ gelesen, und mir ist ein licht aufgegangen!
in den ersten dieser 27 briefe kritisiert schiller zunächst den zustand der gesellschaft. er arbeitet einen dualismus heraus zwischen der form von staat, gesellschaft und leben auf basis der natürlichen notwendigkeiten, triebe und kräfteverhältnisse einerseits und dem idealbild des kultivierten zusammenlebens, das auf den einsichten der menschlichen vernunft basiert. er vertritt die meinung, daß jene nicht wünschenswert, aber diese nicht realisierbar und umgekehrt sind.
er entwickelt für beide bezogen auf den menschen die begriffe vom „stofftrieb“ und vom „formtrieb“ und beschreibt deren immanente unvereinbarkeit:

Soweit der Mensch endlich ist, erstreckt sich das Gebiet dieses Triebs; und da alle Form nur an einer Materie, alles Absolute nur durch das Medium der Schranken erscheint, so ist es freilich der sinnliche Trieb, an dem zuletzt die ganze Erscheinung der Menschheit befestiget ist. Aber obgleich er allein die Anlagen der Menschheit weckt und entfaltet, so ist er es doch allein, der ihre Vollendung unmöglich macht. Mit unzerreißbaren Banden fesselt er den höher strebenden Geist an die Sinnenwelt, und von ihrer freiesten Wanderung ins Unendliche ruft er die Abstraktion in die Grenzen der Gegenwart zurücke. Der Gedanke zwar darf ihm augenblicklich entfliehen, und ein fester Wille setzt sich seinen Forderungen sieghaft entgegen; aber bald tritt die unterdrückte Natur wieder in ihre Rechte zurück, um auf Realität des Daseins, auf einen Inhalt unsrer Erkenntnisse und auf einen Zweck unsers Handelns zu dringen.
Beim ersten Anblick scheint nichts einander entgegengesetzt zu sein als die Tendenzen dieser beiden Triebe, indem der eine auf Veränderung, der andre auf Unveränderlichkeit dringt. Und doch sind es diese beiden Triebe, die den Begriff der Menschheit erschöpfen, und ein dritter Grundtrieb, der beide vermitteln könnte, ist schlechterdings ein undenkbarer Begriff. Wie werden wir also die Einheit der menschlichen Natur wieder herstellen, die durch diese ursprüngliche und radikale Entgegensetzung völlig aufgehoben scheint?

sodann betont er aber, daß die höchste vollendung des menschen nur in einer versöhnung? dieser gegensätzlichen seiten der menschlichen natur liegen kann:

Seine Kultur wird also darin bestehen: erstlich: dem empfangenden Vermögen die vielfältigsten Berührungen mit der Welt zu verschaffen und auf seiten des Gefühls die Passivität aufs Höchste zu treiben; zweitens: dem bestimmenden Vermögen die höchste Unabhängigkeit von dem empfangenden zu erwerben und auf seiten der Vernunft die Aktivität aufs Höchste zu treiben. Wo beide Eigenschaften sich vereinigen, da wird der Mensch mit der höchsten Fülle von Dasein die höchste Selbständigkeit und Freiheit verbinden und, anstatt sich an die Welt zu verlieren, diese vielmehr mit der ganzen Unendlichkeit ihrer Erscheinungen in sich ziehen und der Einheit seiner Vernunft unterwerfen.

am anfang des vierzehnten briefes drückt er das noch einmal etwas kompakter und klarer aus:

Wir sind nunmehr zu dem Begriff einer solchen Wechselwirkung zwischen beiden Trieben geführt worden , wo die Wirksamkeit des einen die Wirksamkeit des andern zugleich begründet und begrenzt, und wo jeder einzelne für sich gerade dadurch zu seiner höchsten Verkündigung gelangt, daß der andere tätig ist.

nun nähert er sich langsam dem kulminationspunkt seiner abhandlung:

Gäbe es aber Fälle, wo er diese doppelte Erfahrung zugleich machte, wo er sich zugleich seiner Freiheit bewußt würde und sein Dasein empfände, wo er sich zugleich als Materie fühlte und als Geist kennen lernte, so hätte er in diesen Fällen, und schlechterdings nur in diesen, eine vollständige Anschauung seiner Menschheit

die lösung für die notwendige aber scheinbar unmögliche synthese der beiden heißt bei ihm - achtung, trommelwirbel: spieltrieb!

Vorausgesetzt, daß Fälle dieser Art in der Erfahrung vorkommen können, so würden sie einen neuen Trieb in ihm aufwecken, der eben darum, weil die beiden andern in ihm zusammenwirken, einem jeden derselben, einzeln betrachtet, entgegengesetzt sein und mit Recht für einen neuen Trieb gelten würde. Der sinnliche Trieb will, daß Veränderung sei, daß die Zeit einen Inhalt habe; der Formtrieb will, daß die Zeit aufgehoben, daß keine Veränderung sei. Derjenige Trieb also, in welchem beide verbunden wirken, (es sei mir einstweilen, bis ich diese Benennung gerechtfertigt haben werde, vergönnt, ihn Spieltrieb zu nennen), der Spieltrieb also würde dahin gerichtet sein, die Zeit in der Zeit aufzuheben, Werden mit absolutem Sein, Veränderung mit Identität zu vereinbaren. Der sinnliche Trieb will bestimmt werden, er will sein Objekt empfangen; der Formtrieb will selbst bestimmen, er will sein Objekt hervorbringen; Der Spieltrieb wird also bestrebt sein, so zu empfangen, wie er selbst hervorgebracht hätte, und so hervorzubringen, wie der Sinn zu empfangen trachtet. Der sinnliche Trieb schließt aus seinem Subjekt alle Selbsttätigkeit und Freiheit, der Formtrieb schließt aus dem seinigen alle Abhängigkeit, alles Leiden aus. Ausschließung der Freiheit ist aber physische, Ausschließung des Leidens ist moralische Notwendigkeit. Beide Triebe nötigen also das Gemüt, jener durch Naturgesetze, dieser durch Gesetze der Vernunft. Der Spieltrieb also, als in welchem beide verbunden wirken, wird das Gemüt zugleich moralisch und physisch nötigen; er wird also, weil er alle Zufälligkeit aufhebt, auch alle Nötigung aufheben und den Menschen sowohl physisch als moralisch in Freiheit setzen.
Indem uns ferner der sinnliche Trieb physisch und der Formtrieb moralisch nötigt, so läßt jener unsre formale, dieser unsre materielle Beschaffenheit zufällig; das heißt, es ist zufällig, ob unsere Glückseligkeit mit unsrer Vollkommenheit, oder ob diese mit jener übereinstimmen werde. Der Spieltrieb also, in welchem beide vereinigt wirken, wird zugleich unsre formale und unsre materiale Beschaffenheit, zugleich unsre Vollkommenheit und unsre Glückseligkeit zufällig machen; er wird also, eben weil er beide zufällig macht, und weil mit der Notwendigkeit auch die Zufälligkeit verschwindet, die Zufälligkeit in beiden wieder aufheben, mithin Form in die Materie und Realität in die Form bringen. In demselben Maße, als er den Empfindungen und Affekten ihren dynamischen Einfluß nimmt, wird er sie mit Ideen der Vernunft in Übereinstimmung bringen, und in demselben Maße, als er den Gesetzen der Vernunft ihre moralische Nötigung benimmt, wird er sie mit dem Interesse der Sinne versöhnen.

und schließlich kommt der satz, der überall zitiert, nur leider selten in seinem ganzen zusammenhang gesehen wird, mithin zum schönen aphorismus wurde, den sich der bildungsbürger um den hals hängen konnte:

Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Dieser Satz, der in diesem Augenblicke vielleicht paradox erscheint, wird eine große und tiefe Bedeutung erhalten, wenn wir erst dahin gekommen sein werden, ihn auf den doppelten Ernst der Pflicht und des Schicksals anzuwenden; er wird, ich verspreche es Ihnen, das ganze Gebäude der ästhetischen Kunst und der noch schwierigern Lebenskunst tragen.

sosehr mir persönlich nun diese gedanken gefallen, und ich sie rein gefühlsmäßig als wahr und richtig empfinde - wissenschaftlich gesehen müssen sie sich der reflexion und der kritik stellen.
zunächst muß festgehalten werden, daß es sich bei der gesamtheit der 27 briefe nahezu ausschließlich um ein gedankliches gebäude handelt. das soll heißen, daß konkrete belege gar nicht, oder nur in form mehr oder weniger anschaulicher beispiele vorgebracht werden, wie z.b. der folgenden:

Man wird niemals irren, wenn man das Schönheitsideal eines Menschen auf dem nämlichen Wege sucht, auf dem er seinen Spieltrieb befriedigt. Wenn sich die griechischen Völkerschaften in den Kampfspielen zu Olympia an den unblutigen Wettkämpfen der Kraft, der Schnelligkeit, der Gelenkigkeit und an dem edleren Wechselstreit der Talente ergötzen, und wenn das römische Volk an dem Todeskampf eines erlegten Gladiators oder seines libyschen Gegners sich labt, so wird es uns aus diesem einzigen Zuge begreiflich, warum wir die Idealgestalten einer Venus, einer Juno, eines Apolls nicht in Rom, sondern in Griechenland aufsuchen müssen[6]. Nun spricht aber die Vernunft: das Schöne soll nicht bloßes Leben und nicht bloße Gestalt, sondern lebende Gestalt, d. i. Schönheit sein, indem sie ja dem Menschen das doppelte Gesetz der absoluten Formalität und der absoluten Realität diktiert. Mithin tut sie auch den Ausspruch: der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen.
Und was ist es für ein Phänomen, durch welches sich bei dem Wilden der Eintritt in die Menschheit verkündigt? So weit wir auch die Geschichte befragen, es ist dasselbe bei allen Völkerstämmen, welche der Sklaverei des tierischen Standes entsprungen sind: die Freude am Schein, die Neigung zum Putz und zum Spiele.
Wenn wir jemand mit Leidenschaft umfassen, der unsrer Verachtung würdig ist, so empfinden wir peinlich die Nötigung der Natur. Wenn wir gegen eine andern feindlich gesinnt sind, der uns Achtung abnötigt, so empfinden wir peinlich die Nötigung der Vernunft. Sobald er aber zugleich unsre Neigung interessiert und unsre Achtung sich erworben, so verschwindet sowohl der Zwang der Empfindung als der Zwang der Vernunft, und wir fangen an, ihn zu lieben, d.h. zugleich mit unsrer Neigung und mit unsrer Achtung zu spielen.

fazit: das fehlen einer zwingenden empirischen hinterlegung von schillers gedanken würde ich unter zwei aspekten beurteilen. erstens, in ihrer tätigkeit des untersuchens, beobachtens, messens und logischen, also notwendigen, verknüpfens, steht wissenschaft, besonders empirische wissenschaft, jenem offensichtlich sehr nahe, was schiller den stofftrieb oder sinnlichen trieb nennt. woraus sich folgern ließe, daß die von ihm ausgedrückten gedanken sich ihr womöglich entziehen indem sie über sie, die wissenschaft, „transzendental“ hinausgehen und somit vielleicht gar nicht beweisbar sind.
zweitens, ein gedanke, dem der unwiderlegliche nachweis (noch) fehlt, muß ja nicht schon allein deswegen falsch sein. in diesem falle heißt er einfach hypothese und nicht theorie. es gibt also, aus meiner sicht, keinen grund, sich einen solchen gedanken nicht zu eigen zu machen und mit ihm zu operieren, solange man sich immer bewußt bleibt, daß man, mit diesem gedanken gleichsam als grundlage operierend, noch nichts nachgewiesen hat, sondern vielmehr mit seinen eigenen betrachtungen, zu welchem konkreten thema auch immer, nur zu bestärkung oder schwächung eben jenes gedankengebäudes beizutragen hat.

friedrich schiller, über die ästhetische erziehung des menschen
zu finden beim projekt gutenberg


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