literatur film kunst
hier spricht edgar wallace - oder der beste erste satz
vor einigen wochen habe ich bei meinen eltern die entsorgung dieses wunderbaren kleinods der pfennigliteratur (1 mark fuffzich) verhindern können, das aus der bibliothek meiner oma stammt: Der rote Kreis von Edgar Wallace.
nicht genug damit, daß man damals scheinbar noch wußte, wie man einen prima buchumschlag gestaltet. die bilder sind doch toll und dieses porträt des autors! ich denke auch wir haben hier einen der besten ersten sätze, die vielleicht je geschrieben wurden.
natürlich gibt es jede menge beste erste sätze, z.b. hier:
christians buecherkiste.
aber dieser ist schon spitze:
Philipp Brassard zahlte und blieb am Leben, denn offensichtlich hielt der rote Kreis Wort.
vielleicht kann ich euch ja damit anregen, auch auf die jagd nach dem besten ersten satz zu gehen und diesen zu diesem zu fügen…
broken flowers
wie man sieht: ich bemühe mich um aussagekräftige titel - da weiß man doch gleich worum es geht.
habe mir vorgestern mit Katja „Broken Flowers“ angeschaut. ich sags gleich vorweg: der film ist ok, kann aber, obwohl er das potential dazu hätte, nicht mit „lost in translation“ mithalten, wenn es um unausgesprochene poesie, den film im kopf des zuschauers geht.
und wem die älteren filme von Jim Jarmusch wegen ihrer verrücktheit, ihrem anarchismus oder ihren knuffigen charakteren gefallen, der findet sich hier erst recht nicht wieder (man denke nur an den etwas bemüht gezeichneten amateurdetektiv Winston, der Don auf die reise schickt.)
schön ist das thema: ein mann begibt sich in seine vergangenheit zurück, um sich einige seiner möglichen zukünfte anzuschauen. wenns um das wiedersehen mit menschen aus der vergangenheit geht, muß man ja nicht immer gleich an klassentreffen denken.
lustig finde ich auch, daß Katja meinte, am anfang als Sherry Don verläßt, und der nur müde winkt, nichts sagt und nichts tut, hätte sie an mich denken müssen. vielleicht. was soll man denn da auch machen? wenn man sich streitet und die frau geht zur tür raus, wartet sie ja nur darauf, daß der mann ihr nachläuft und sie zurückholt, hab ich jedenfalls mal in der „Brigitte“ gelesen. aber wenn die frau sich entscheidet, einfach eines morgens mit ihren koffern aus der tür zu gehen - da ist wohl sowieso nichts mehr zu machen, und jeder kniefall würde alles nur verschlimmern.
entäuscht war ich von Tilda Swintons auftritt, wohlgemerkt von ihrer unbefriedigenden rolle, nicht von ihr selbst. als erzengel Gabriel in „Constantine“ hatte sie dagegen eine rolle, die ich richtig abgefahren fand.
Bill Murray spielt mal wieder sich selbst und das macht er gut. ich kann ihn jedenfalls verstehn. manchmal wünsche ich mir nicht nur sein phlegma zu haben, sondern auch seinen stoizismus, dann würde ich nicht mehr ausrasten müssen, und das wäre schon mal was.
übrigens: die blumenverkäuferin, die Don ein pflaster auf die stirn klebt, heißt Sun Green, ein name, den Jarmusch von Neil Youngs album „Greendale“ geborgt haben soll.
fotogalerie bei der international movie data base
onkel georg
„mein onkel führte eine geistesexistenz, wie ein paar hundert vollgeschriebene notizbücher beweisen. die beschränktheit des mitteleuropäers, der, wie ja gesagt wird, lebt, um zu arbeiten, anstatt zu arbeiten, um zu leben, wobei es ganz und gar gleichgültig ist, was unter arbeit zu verstehen ist, war meinem onkel georg schon sehr früh auf die nerven gegangen und er hatte die konsequenz aus seinen überlegungen gezogen.“
thomas bernhard in „auslöschung“, s.37
man muß allerdings dazusagen, daß onkel georg vom geerbten vermögen leben konnte. da war der herr hans jürgen von der wense - werke. von aas bis zylinder schon von einem anderen kaliber!
das erinnert mich auch an 20. im daudedsching.
alleinsein
„ich sage zu gambetti, gambetti, das höchste ist das alleinsein, weil ich mich als sein philosoph aufspiele, aber ich weiß ganz genau, daß alleinsein die fürchterlichste aller strafen ist. nur ein verrückter propagiert das alleinsein und vollkommen allein sein heißt ja am ende nichts anderes, als vollkommen verrückt sein, dachte ich …“
thomas bernhard in „auslöschung“
leitzordner
„nein, nein, mein büro wird dieses nicht sein, dachte ich. ich werde mich von den leitzordnern nicht beherrschen lassen. millionen sind von leitzordnern beherrscht und kommen aus dieser demütigenden beherrschung nicht mehr heraus, dachte ich. millionen sind von diesen leitzordnern unterdrückt. ganz europa läßt sich seit einem jahrhundert von den leitzordnern unterdrücken und die unterdrückung der leitzordner verschärft sich, dachte ich. bald wird ganz europa von den leitzordnern nicht nur beherrscht, sondern vernichtet sein. das habe ich ja auch einmal gambetti gesagt, daß vor allem die deutschen sich von den leitzordnern unterdrücken haben lassen. selbst die literatur der deutschen ist eine von den leitzordnern unterdrückte, habe ich zu gambetti einmal gesagt.“ usw. usf.
thomas bernhard in „auslöschung“
ich hasse mich selber dafür, wie ich manchmal in irgendwelchen büros herumstehe, ehrfürchtig die mit leitzordnern praktisch tapezierten wände anstarre und mir vorstelle, wie wichtig und wie ernsthaft doch die arbeit dieser menschen sein muß, die in so vielen leitzordnern geordnet und aufbewahrt wird.
da erfrischt und beruhigt mich doch so eine kleine tirade von t.b. ungemein. auch wenn sein rundumschlag noch weiter gehend sogar thomas mann und robert musil gleich mit als ‚hilflos erbärmliche beamtenliteraturerzeuger‘ abkanzelt. naja, wo späne fallen wird gehobelt, oder so.
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