literatur film kunst

im glashaus

von 重子 夏希 9. Okt 2005 23:18 ~ 2 x senf dazu ~ edit

wer kennt ihn nicht, den zwiebelfisch zusammengefaßt im buch der dativ ist dem genitiv sein tod haben diese kolumnen des geschichtswissenschaftlers und romanisten Bastian Sick schon einige zeitgenossen angeregt, zu herzlichem schmunzeln und zu ernsthaftem nachdenken über unseren oft allzu leichtfertigen umgang mit der lieben muttersprache.

viele artikel habe auch ich mit lust und gewinn gelesen. schlimme wortmoden (‚pur‘), unüberlegt manisches steigern an sich ausreichend treffender ausdrücke (‚der super-gau‘, ‚der perfekteste moment‘, ‚die optimalste lösung‘, ‚der totalste wahnsinn‘), der köstliche umgang mit englischen wörtern und ihre comedyverdächtige übersetzung, selbst bei den nachrichtenagenturen (unübertroffen: die leichensäcke im supermarkt - ‚body bags‘), das elend mit dem ‚binde-strich‘ („partei-tag“, „seh-test“, „rechtschreib-reform“) und der verheerende häk‘chenhagel, sprich die sogenannten „deppen-apostroph‘s“ („rudi‘s bierschwemme“, aber auch „lkw‘s“, „cd‘s“ und sogar „kid‘s“ oder „pizza‘s“).

toll, da mal gesagt zu bekommen, was man schon immer richtig oder auch seit jeher gnadenlos falsch gemacht hat. über den zwiebelfisch wurde sicher schon genug geschrieben, da müßte ich mich jetzt nicht auch noch dazu verbreiten. aber ich hatte immer das gefühl, irgendwann ertappst du herrn Sick dabei, wie er selbst über eine der regeln stolpert, die er uns so nahelegt.
und tatsächlich, in einer kolumne mit dem titel „im bann des silbenbarbaren“ macht Bastian Sick uns auf den vormarsch des suffix „-bar“ aufmerksam: „was früher unverwüstlich war, ist heute unverwüstbar, wenn nicht unkaputtbar“ - erinnerbar, akzeptierbar, unaufhaltbar. „judas mag käuflich gewesen sein, … der verräter von heute ist kaufbar.“ man sollte „alle kraft zusammennehmen und das barbarische suffix abschütteln.“
und jetzt kommts - 30 seiten weitergeblättert, finden wir die kolumne ‚streit und kein ende‘, und da steht schwarz auf weiß: „überall verlaufen unüberwindbare gräben der zwietracht und des hasses.“ autsch! aua! uiii! böser junge. dabei steht doch im duden zwischen unübertrefflich und unumgänglich nur ein wort, nämlich unüberwindlich. sicher hat er letztere kolumne zuerst und erstere später geschrieben, da konnte er ja noch nicht wissen, daß man „alle kraft zusammennehmen und das barbarische suffix abschütteln“ muß.

fazit: ich kann päpstlicher als der papst sein (hab ja nun bisher nur ein kleines fehlerchen gefunden), aber: auch wer die meisten glasscheiben aus seinem glashaus ausgebaut hat, der trifft doch früher oder später eine der übriggebliebenen, wenn er nur genügend steine wirft.


zwangsläufig

von 重子 夏希 26. Sep 2005 10:32 ~ 0 x senf dazu ~ edit

‚fast zwangsläufig wird man schließlich zu der person, für die einen die anderen halten.‘
julius cäsar zugeschrieben vom autoren von ‚die iden des märz‘
gefunden in: gabriel garcía márquez, erinnerung an meine traurigen huren, s.135

das erinnert mich an meine vermutung, daß jeder wenigstens so viele persönlichkeiten in sich trägt, wie er gesprächspartner hat


selbsterkenntnis

von 重子 夏希 26. Sep 2005 10:28 ~ 0 x senf dazu ~ edit

‚ich entdeckte, daß meine obsession, jedes ding an seinem platz, jede angelegenheit zu ihrer zeit, jedes wort im richtigen stil zu haben, nicht der verdiente preis eines geordneten geistes, sondern das ganze gegenteil war, geradezu ein system der täuschung, das ich erdacht hatte, um meine unordentliche natur zu verbergen. ich entdeckte, daß ich nicht aus tugend diszipliniert bin, sondern als reaktion auf meine nachlässigkeit; daß ich mich großzügig gebe, um meine kleinlichkeit zu verdecken, daß meine vorsicht aus vorurteilen erwächst, daß ich versöhnlich bin, um nicht meiner unterdrückten wut anheim zu fallen, daß ich nur pünktlich bin, damit niemand erfährt, wie gleichgültig mir fremde zeit ist. zu guter letzt entdeckte ich, daß die liebe nicht ein seelenzustand, sondern ein zeichen des tierkreises ist.‘

gabriel garcía márquez, erinnerung an meine traurigen huren, s.92f


ärzte

von 重子 夏希 26. Sep 2005 10:14 ~ 0 x senf dazu ~ edit

simón bólivar, der glorreiche general des südamerikanischen unabhängigkeitskrieges:

„er hatte fieber und immerfort kopfschmerzen. der gemeindepfarrer bot an, einen arzt zu holen, doch er widersetzte sich: ‚wenn ich auf meine ärzte gehört hätte, läge ich schon viele jahre im grab.‘“

in: der general in seinem labyrinth von meinem derzeitigen liebling, gabriel garcía márquez


daudedsching | laudse

von 重子 夏希 23. Sep 2005 10:53 ~ 0 x senf dazu ~ edit

mal ein paar sprüche von laudse oder auch laotse aus dem daudedsching, die ich interessant finde. das werde ich mit der zeit erweitern.

3.
achtet nicht die achtenswerten
und es wird nicht streit sein im volk
schätzt nicht schätzenswerte güter
und es wird nicht räuber geben im volk
zeigt nichts begehrenswertes
und es wird keine verwirrung sein im herzen des volkes

so herrscht der weise:
das herz leeren
den bauch füllen
stärken die knochen
schwächen den willen

immer läßt er das volk ohne wissen und begierde
und die klugen ohne mut zum handeln
durch nichthandeln bleibt nichts ungeordnet




10.
ohne geschäftigsein, ans eine sich haltend
kann die seele sich dann noch zerstreuen?

die atemkraft sammelnd, geschmeidig werdend
kann man nicht zurückkehren zum kindsein?


den blick läuternd zur schau des tiefen
kann man nicht frei werden von unreinheit?

das volk lieben, den staat ordnen
braucht man dazu wissen?

kann sich öffnen und schließen das himmelstor
ohne das weibliche?

klarheit, die alles ringsum erreicht
braucht sie denn tätigsein?


der weise läßt sie wachsen und nährt sie
läßt die dinge wachsen und besitzt sie nicht
tut und verlangt nichts für sich
behüter, nicht beherrscher
es sei genannt Süen De - das tiefste De


20.

alle tun, als wären sie von nutzen
nur ich bin störrisch wie ein tölpel
nur ich bin anders als die anderen
und schätz die nahrung an der mutterbrust


33.

wer andere kennt, ist klug
wer sich kennt, ist weise
wer andere bezwingt, ist kraftvoll
wer sich selbst bezwingt, ist unbezwingbar
wer sich zu begnügen weiß, ist reich
wer sich durchsetzt, ist willensstark
wer sein wesen nicht verliert, währt lange
wer dahingeht, ohne zu vergehen, lebt ewig



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