literatur film kunst

gespielte arbeit

von 重子 夏希 15. Sep 2005 19:45 ~ 0 x senf dazu ~ edit

thomas bernhard in „auslöschung
der großteil der menscheit, vor allem in mitteleuropa, heuchelt arbeit, schauspielert ununterbrochen arbeit vor und perfektioniert bis ins hohe alter diese geschauspielerte arbeit, die mit wirklicher arbeit genauso wenig zu tun hat, wie das wirkliche und tatsächliche schauspiel mit dem wirklichen und tatsächlichen leben. da die menschen aber immer lieber das leben als schauspiel sehen als das leben selbst, das ihnen letzten endes viel zu mühsam und trocken vorkommt, als eine unverschämte demütigung, schauspielern sie lieber, als das sie leben, schauspielern sie lieber, als das sie arbeiten. […] aber nicht nur in den sogenannten höheren ständen wird die arbeit heute meistens nur mehr noch geschauspielert, denn wirklich getan, auch unter dem sogenannten einfachen volk ist diese schauspielerei weit verbreitet, die leute schauspielern an allen ecken und enden arbeit, schauspielern tätigkeit, wo sie in wirklichkeit nichts als faulenzen und gar nichts tun und meistens auch noch, anstatt sich nützlich zu machen, den größten schaden anrichten.die meisten arbeiter und handwerker glauben heute, daß es genug ist, wenn sie den blauen arbeitsanzug anziehen, ohne auch nur irgend etwas zu tun, von einer nützlichen tätigkeit ganz zu schweigen, sie schauspielern arbeit und ihr kostüm ist der den ganzen tag penetrant getragene blaue arbeitsanzug, mit diesem rennen sie ununterbrochen umher und kommen sehr oft auch in schweiß darin, aber dieser schweiß ist ein falscher und deshalb perverser und beruht nur auf geschauspielerter arbeit, keiner wirklichen. auch das volk ist längst darauf gekommen, daß geschauspielerte arbeit einträglicher ist, als wirklich getane, wenn auch bei weitem nicht gesünder, im gegenteil, und schauspielert arbeit nur noch, anstatt sie wirklich zu verrichten, wodurch die staaten auf einmal, wie wir sehen, vor dem ruin stehen. in wahrheit und in wirklichkeit gibt es nurmehr noch schauspieler auf der welt, die arbeit spielen, keine arbeiter. alles wird geschauspielert, nichts mehr wird wirklich getan. […] dem landwirt genügt es oft, sein hoftor aufzumachen und ein bißchen schweinegrunzen sozusagen wie aus dem radio aufzudrehen und durch dieses geöffnete hoftor aus der welt des schlechten gewissens hinauszulassen, und er gilt als rechtschaffen und arbeitsam. und die menschheit ist tatsächlich so dumm, daß sie auf diese methoden hereinfällt. millionen schlüpfen am morgen in ihren drillich und werden für voll, das heißt für arbeitende menschen gehalten, während sie nichts anderes als eine armee von raffinierten nichtstuern sind, die nur schaden anrichten und die welt zu grunde, und die nur ihren bauch im auge haben, nichts sonst. aber die intellektuellen sind wahrlich zu dumm dazu, das zu sehen, sagte mein onkel georg. für sie ist der allerbilligste auftritt eines faulen arbeiters oder handwerkers, wenn er nur sein blaues kostüm anhat auf der durch und durch verlogenen arbeitsbühne, schon ein grund für schlechtes gewissen.die intellektuellen sind die nichtssagenden, völlig einflußlosen episodisten auf dieser skrupellosen, alles krank machenden arbeitsbühne, auf welcher schon über ein halbes jahrhundert auf die raffinierteste weise fortwährend und auftrumpfend arbeit und tätigkeit so gespielt wird, daß es einem nur noch kalt über den rücken läuft. aber ich habe gar nichts dagegen, so mein onkel georg, daß die leute nicht arbeiten wollen, daß die menschheit nicht arbeiten will, nur soll sie ihre faulheit ganz offen zugeben und nicht tagtäglich ihr widerwärtiges arbeitstheater spielen.

auslöschung, s.94ff

irgendwo schreibt bernhard auch noch darüber, daß wirkliche arbeit manchmal wie faulenzen und nichtstun aussieht, im gegensatz zur geschauspielerten arbeit, aber leider finde ich die stelle nicht mehr…

diese bücher gab er gambetti:
siebenkäs, jean paul
der prozeß, franz kafka
amras, thomas bernhard !
die portugiesin, robert? musil
esch oder die anarchie, broch


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