literatur film kunst
selbsterkenntnis
‚ich entdeckte, daß meine obsession, jedes ding an seinem platz, jede angelegenheit zu ihrer zeit, jedes wort im richtigen stil zu haben, nicht der verdiente preis eines geordneten geistes, sondern das ganze gegenteil war, geradezu ein system der täuschung, das ich erdacht hatte, um meine unordentliche natur zu verbergen. ich entdeckte, daß ich nicht aus tugend diszipliniert bin, sondern als reaktion auf meine nachlässigkeit; daß ich mich großzügig gebe, um meine kleinlichkeit zu verdecken, daß meine vorsicht aus vorurteilen erwächst, daß ich versöhnlich bin, um nicht meiner unterdrückten wut anheim zu fallen, daß ich nur pünktlich bin, damit niemand erfährt, wie gleichgültig mir fremde zeit ist. zu guter letzt entdeckte ich, daß die liebe nicht ein seelenzustand, sondern ein zeichen des tierkreises ist.‘
gabriel garcía márquez, erinnerung an meine traurigen huren, s.92f
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