19. November 2008 07:34

zwangsläufig

‚fast zwangsläufig wird man schließlich zu der person, für die einen die anderen halten.‘
julius cäsar zugeschrieben vom autoren von ‚die iden des märz‘
gefunden in: gabriel garcía márquez, erinnerung an meine traurigen huren, s.135

das erinnert mich an meine vermutung, daß jeder wenigstens so viele persönlichkeiten in sich trägt, wie er gesprächspartner hat

von 重子 夏希 26. Sep 2005 10:32 ~ 0 x senf dazu ~ edit


selbsterkenntnis

‚ich entdeckte, daß meine obsession, jedes ding an seinem platz, jede angelegenheit zu ihrer zeit, jedes wort im richtigen stil zu haben, nicht der verdiente preis eines geordneten geistes, sondern das ganze gegenteil war, geradezu ein system der täuschung, das ich erdacht hatte, um meine unordentliche natur zu verbergen. ich entdeckte, daß ich nicht aus tugend diszipliniert bin, sondern als reaktion auf meine nachlässigkeit; daß ich mich großzügig gebe, um meine kleinlichkeit zu verdecken, daß meine vorsicht aus vorurteilen erwächst, daß ich versöhnlich bin, um nicht meiner unterdrückten wut anheim zu fallen, daß ich nur pünktlich bin, damit niemand erfährt, wie gleichgültig mir fremde zeit ist. zu guter letzt entdeckte ich, daß die liebe nicht ein seelenzustand, sondern ein zeichen des tierkreises ist.‘

gabriel garcía márquez, erinnerung an meine traurigen huren, s.92f

von 重子 夏希 26. Sep 2005 10:28 ~ 0 x senf dazu ~ edit


ärzte

simón bólivar, der glorreiche general des südamerikanischen unabhängigkeitskrieges:

„er hatte fieber und immerfort kopfschmerzen. der gemeindepfarrer bot an, einen arzt zu holen, doch er widersetzte sich: ‚wenn ich auf meine ärzte gehört hätte, läge ich schon viele jahre im grab.‘“

in: der general in seinem labyrinth von meinem derzeitigen liebling, gabriel garcía márquez

von 重子 夏希 26. Sep 2005 10:14 ~ 0 x senf dazu ~ edit


daudedsching | laudse

mal ein paar sprüche von laudse oder auch laotse aus dem daudedsching, die ich interessant finde. das werde ich mit der zeit erweitern.

3.
achtet nicht die achtenswerten
und es wird nicht streit sein im volk
schätzt nicht schätzenswerte güter
und es wird nicht räuber geben im volk
zeigt nichts begehrenswertes
und es wird keine verwirrung sein im herzen des volkes

so herrscht der weise:
das herz leeren
den bauch füllen
stärken die knochen
schwächen den willen

immer läßt er das volk ohne wissen und begierde
und die klugen ohne mut zum handeln
durch nichthandeln bleibt nichts ungeordnet




10.
ohne geschäftigsein, ans eine sich haltend
kann die seele sich dann noch zerstreuen?

die atemkraft sammelnd, geschmeidig werdend
kann man nicht zurückkehren zum kindsein?


den blick läuternd zur schau des tiefen
kann man nicht frei werden von unreinheit?

das volk lieben, den staat ordnen
braucht man dazu wissen?

kann sich öffnen und schließen das himmelstor
ohne das weibliche?

klarheit, die alles ringsum erreicht
braucht sie denn tätigsein?


der weise läßt sie wachsen und nährt sie
läßt die dinge wachsen und besitzt sie nicht
tut und verlangt nichts für sich
behüter, nicht beherrscher
es sei genannt Süen De - das tiefste De


20.

alle tun, als wären sie von nutzen
nur ich bin störrisch wie ein tölpel
nur ich bin anders als die anderen
und schätz die nahrung an der mutterbrust


33.

wer andere kennt, ist klug
wer sich kennt, ist weise
wer andere bezwingt, ist kraftvoll
wer sich selbst bezwingt, ist unbezwingbar
wer sich zu begnügen weiß, ist reich
wer sich durchsetzt, ist willensstark
wer sein wesen nicht verliert, währt lange
wer dahingeht, ohne zu vergehen, lebt ewig

von 重子 夏希 23. Sep 2005 10:53 ~ 0 x senf dazu ~ edit


gespielte arbeit

thomas bernhard in „auslöschung
der großteil der menscheit, vor allem in mitteleuropa, heuchelt arbeit, schauspielert ununterbrochen arbeit vor und perfektioniert bis ins hohe alter diese geschauspielerte arbeit, die mit wirklicher arbeit genauso wenig zu tun hat, wie das wirkliche und tatsächliche schauspiel mit dem wirklichen und tatsächlichen leben. da die menschen aber immer lieber das leben als schauspiel sehen als das leben selbst, das ihnen letzten endes viel zu mühsam und trocken vorkommt, als eine unverschämte demütigung, schauspielern sie lieber, als das sie leben, schauspielern sie lieber, als das sie arbeiten. […] aber nicht nur in den sogenannten höheren ständen wird die arbeit heute meistens nur mehr noch geschauspielert, denn wirklich getan, auch unter dem sogenannten einfachen volk ist diese schauspielerei weit verbreitet, die leute schauspielern an allen ecken und enden arbeit, schauspielern tätigkeit, wo sie in wirklichkeit nichts als faulenzen und gar nichts tun und meistens auch noch, anstatt sich nützlich zu machen, den größten schaden anrichten.die meisten arbeiter und handwerker glauben heute, daß es genug ist, wenn sie den blauen arbeitsanzug anziehen, ohne auch nur irgend etwas zu tun, von einer nützlichen tätigkeit ganz zu schweigen, sie schauspielern arbeit und ihr kostüm ist der den ganzen tag penetrant getragene blaue arbeitsanzug, mit diesem rennen sie ununterbrochen umher und kommen sehr oft auch in schweiß darin, aber dieser schweiß ist ein falscher und deshalb perverser und beruht nur auf geschauspielerter arbeit, keiner wirklichen. auch das volk ist längst darauf gekommen, daß geschauspielerte arbeit einträglicher ist, als wirklich getane, wenn auch bei weitem nicht gesünder, im gegenteil, und schauspielert arbeit nur noch, anstatt sie wirklich zu verrichten, wodurch die staaten auf einmal, wie wir sehen, vor dem ruin stehen. in wahrheit und in wirklichkeit gibt es nurmehr noch schauspieler auf der welt, die arbeit spielen, keine arbeiter. alles wird geschauspielert, nichts mehr wird wirklich getan. […] dem landwirt genügt es oft, sein hoftor aufzumachen und ein bißchen schweinegrunzen sozusagen wie aus dem radio aufzudrehen und durch dieses geöffnete hoftor aus der welt des schlechten gewissens hinauszulassen, und er gilt als rechtschaffen und arbeitsam. und die menschheit ist tatsächlich so dumm, daß sie auf diese methoden hereinfällt. millionen schlüpfen am morgen in ihren drillich und werden für voll, das heißt für arbeitende menschen gehalten, während sie nichts anderes als eine armee von raffinierten nichtstuern sind, die nur schaden anrichten und die welt zu grunde, und die nur ihren bauch im auge haben, nichts sonst. aber die intellektuellen sind wahrlich zu dumm dazu, das zu sehen, sagte mein onkel georg. für sie ist der allerbilligste auftritt eines faulen arbeiters oder handwerkers, wenn er nur sein blaues kostüm anhat auf der durch und durch verlogenen arbeitsbühne, schon ein grund für schlechtes gewissen.die intellektuellen sind die nichtssagenden, völlig einflußlosen episodisten auf dieser skrupellosen, alles krank machenden arbeitsbühne, auf welcher schon über ein halbes jahrhundert auf die raffinierteste weise fortwährend und auftrumpfend arbeit und tätigkeit so gespielt wird, daß es einem nur noch kalt über den rücken läuft. aber ich habe gar nichts dagegen, so mein onkel georg, daß die leute nicht arbeiten wollen, daß die menschheit nicht arbeiten will, nur soll sie ihre faulheit ganz offen zugeben und nicht tagtäglich ihr widerwärtiges arbeitstheater spielen.

auslöschung, s.94ff

irgendwo schreibt bernhard auch noch darüber, daß wirkliche arbeit manchmal wie faulenzen und nichtstun aussieht, im gegensatz zur geschauspielerten arbeit, aber leider finde ich die stelle nicht mehr…

diese bücher gab er gambetti:
siebenkäs, jean paul
der prozeß, franz kafka
amras, thomas bernhard !
die portugiesin, robert? musil
esch oder die anarchie, broch

von 重子 夏希 15. Sep 2005 19:45 ~ 0 x senf dazu ~ edit



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